AktArcha
1859 schrieb der Kunsthistoriker Gustav Klemm im fünften Band seines mehrbändigen Werks “Die Frauen. Culturgeschichtliche Schilderungen des Zustandes und des Einflusses der Frauen in den verschiedenen Zonen und Zeitaltern”:
Kurzbericht über die Session 1078 „Women at Archeological Conferences from the 19th Century to the Late 1990s: Presence, Representation and Experiences“ des 30. Annual Meetings der European Association of Archaeologists
In diesem Jahr waren auf dem Annual Meeting der European Association of Archaeologists gleich mehrere Sessions mit forschungsgeschichtlichen Fokus zu finden; zwei von ihnen – Session 738 „Reclaiming Herstory: Women in Mediterranean Archaeology from the 18th Century to Today“ und Session 1078 „Women at Archeological Conferences from the 19th Century to the Late 1990s: Presence, Representation and Experiences“ nahmen explizit Frauen in den Blick. Heute möchten wir von letztgenannter Session berichten.
Margret Heinemann war eine der fünf Frauen, die vor dem Ersten Weltkrieg in Archäologie promovierten. Sie schloss ihr Studium 1909 bei Georg Loeschcke an der Universität Bonn ab. Und auch privat war Margret Heinemann mit der Familie ihres akademischen Lehrers verbunden: Sie war die Verlobte seines ältesten Sohnes Gerhard Loeschcke, und gab nach dessen frühem Tod posthum die von ihm verfasste Kirchengeschichte des Gelasios von Kyzikos heraus.
Wie viele andere Archäologinnen ihrer Zeit verließ sie schon bald nach ihrer Promotion die akademische Welt und wandte sich dem Lehramt zu. Dort machte sie Karriere und brachte es in der Weimarer Republik bis zur Ministerialrätin. Nach dem Zweiten Weltkrieg gehörte sie zu den Gründungsmitgliedern der Demokratischen Partei (DP) in Kassel und war 1948 bis 1952 Mitglied im Kasseler Stadtparlament (heute: Stadtverordnetenversammlung).
Bei unseren Recherchen zu archäologischen Ausgrabungen und archäologisch arbeitenden Frauen in Hamburg begegnete uns immer wieder die Volksschullehrerin Minna Plaß. Über Jahre hinweg engagierte sie sich ehrenamtlich in der Vorgeschichtlichen Abteilung des Altonaer Museums. Sie war regelmäßig als Helferin auf archäologischen Ausgrabungen zu finden; einige Ausgrabungen führte sie eigenverantwortlich durch. Nach dem Zweiten Weltkrieg baute sie diese Museumsabteilung wieder auf. Wir haben uns auf Spurensuche begeben, und möchten in diesem Beitrag die ehrenamtliche Archäologin Minna Plaß näher vorstellen.
Vor einiger Zeit haben wir hier auf diesem Blog die Prähistorikerin Gudrun Loewe (1914-1994) näher vorgestellt. In diesem Beitrag erwähnten wir auch zwei ihrer Studienkolleginnen am Institut für Vor- und Frühgeschichte der Universität Jena: Almut Borchling und Karola Linnfeld. Von den erstgenannten Archäologin handelt dieser Beitrag.
Zugleich sind beide Frauen auch Beispiele dafür, dass wir im Rahmen des Projekts AktArcha oft nur Schlaglichter auf einzelne Phasen im Leben der archäologisch arbeitenden Frauen erhalten – meist dann, wenn die Frauen in fachlichen Kontexten kurzzeitig sichtbar wurden. Dies können Namen und kurze Erwähnungen in Forschungsarbeiten, Briefen, Ego-Dokumenten oder Texten von anderen Archäolog*innen sein. Wie zum Beispiel in einem Brief des Jenaer Professors für Vorgeschichte, Gotthard Neumann, an den Kieler Professor für Vorgeschichte, Gustav Schwantes, vom 12. Februar 1940 (Universität Jena. Institut für Ur- und Frühgeschichte, Sammlung Institutsakten Ordner Museum 1939-1940): Darin schreibt er von „drei Vorgeschichte studierenden Damen“: „Zwei von ihnen, Fräulein Carola Linnfeld und Fräulein Gudrun Loewe, sind Doktorandinnen, die letzte, Fräulein Almuth Borchling, 6. Semester“.
Die Ägyptologin und Archäologin Elise Jenny Baumgärtel (ab 1934: Baumgartel) studierte in Berlin und Königsberg, und erforschte das prähistorische Ägypten. Da sie Jüdin war, musste sie 1934 mit ihren Töchtern aus Deutschland fliehen. Sie setzte ihre wissenschaftliche Arbeit in Großbritannien und den USA fort, lebte aber viele Jahre in prekären Verhältnissen.
Elise Jenny Goldschmidt kam am 5. Oktober 1892 in Berlin zu Welt. Ihr Vater Rudolf Goldschmidt war ein bekannter Architekt und Regierungsbaumeister. In ihrer Kindheit wurde sie zu Hause unterrichtet, u.a. von einer französischen Gouvernante (Friedmann o.J.; Payne 1976, 3).
Vor einiger Zeit wurden wir bei der Suche nach online zugänglichen Quellen für das Projekt AktArcha auf die digitalisierten Martikelbücher der Prager Universitäten aufmerksam. Im Rahmen unserer Recherchen waren wir schon mehrmals auf Absolventinnen aus Prag gestoßen. Dabei war uns aufgefallen, dass dort in den ersten zehn Jahren, nachdem das Fach Urgeschichte eingerichtet worden war, vergleichsweise viele Frauen promoviert haben. Wir haben in diesen Matrikelbüchern nun systematisch nach diesen Frauen gesucht.
Anlässlich der gemeinsamen Jahrestagung des West- und Süddeutschen Verbandes für Altertumsforschung (WSVA) und des Mittel- und Ostdeutschen Verbandes für Altertumsforschung (MOVA) vom 25. bis 29. September 2023 in Tübingen möchten wir heute die ersten Absolventinnen der Ur- und Frühgeschichte an der Eberhard Karls Universität vorstellen. Zugleich ist dies ein Blick in die Fachgeschichte der Ur- und Frühgeschichte, da u.a. mit einem Aufsatz von Sibylle Kästner, Viola Maier und Almut Schülke über die ersten Tübinger Prähistorikerinnen die systematische historiografische Forschung zu frühen Archäologinnen des Fachs begann.
Briefe sind für uns im Projekt AktArcha eine wichtige Quelle. Viele der Briefe, die wir bei unseren Forschungen zu frühen Archäologinnen auswerten, sind unpubliziert und können nur in den Archiven, in denen sie aufbewahrt werden, gelesen werden. Meist finden sie sich in Nachlässen oder Korrespondenzakten. Doch es gibt auch lesenswerte Zusammenstellungen publizierter Archäologinnenbriefe, die wir euch hier als Buchtipps für die Urlaubszeit vorstellen möchten.
Briefe gehören in der Biografieforschung zu den sog. Ego-Dokumenten. Sie wurden in der Regel nur für den oder die Empfänger*in geschrieben, und waren nicht für eine Öffentlichkeit gedacht. Daher ist es zwar auf der einen Seite interessant, Briefe von oder an die frühen Archäologinnen zu lesen, als historische Quellen müssen sie jedoch auf der anderen Seite auch immer umfassend kontextualisiert und eingeordnet werden.
Vor 120 Jahren kam Maria Reiche in Dresden zur Welt. Heute ist sie vor allem für ihre Forschungen zu Geoglyphen in Peru, den sog. Nazca-Linien bekannt. Sie kam als junge Lehrerin nach Südamerika, und beschäftige sich lange Zeit als Privatgelehrte mit diesen ungewöhnlichen Denkmälern, die heute zum Weltkulturerbe zählen.
Maria Reiche stammte aus einer angesehenen Familie, der im deutschen Kaiserreich Künstler und Wissenschaftler angehörten. Sie wuchs mit zwei jüngeren Geschwistern auf. Ihr Vater war Richter am Oberlandesgericht in Dresden- Er fiel im Ersten Weltkrieg. Trotz den finanziellen Schwierigkeiten, in die die Familie nach seinem Tod geriet, ermöglichte die Mutter allen Kindern den Besuch einer höheren Schule und ein Studium. Elisabeth Reiche hatte selbst in Hamburg und Edinburgh Theologie und englische Literatur studiert, und wusste wohl um den Wert guter Bildung. Ihre älteste Tochter Maria studierte nach dem Abitur Mathematik, Physik, Philosophie, Geografie und Pädagogik an der Technischen Hochschule Dresden und der Universität Hamburg. 1928 schloss sie das Studium mit dem Staatsexamen und der höheren Lehramtsprüfung in Dresden ab. Anschließend war sie an unterschiedlichen Dresdner Schulen in befristeten Arbeitsverhältnissen als Lehrerin tätig. Die Weltwirtschaftskrise machte es schwer, eine dauerhafte Anstellung zu finden.