Doris Gutsmiedl-Schümann

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Doris Gutsmiedl-Schümann

Doris Gutsmiedl-Schümann

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Bei unseren Recherchen zu archäologischen Ausgrabungen und archäologisch arbeitenden Frauen in Hamburg begegnete uns immer wieder die Volksschullehrerin Minna Plaß. Über Jahre hinweg engagierte sie sich ehrenamtlich in der Vorgeschichtlichen Abteilung des Altonaer Museums. Sie war regelmäßig als Helferin auf archäologischen Ausgrabungen zu finden; einige Ausgrabungen führte sie eigenverantwortlich durch. Nach dem Zweiten Weltkrieg baute sie diese Museumsabteilung wieder auf. Wir haben uns auf Spurensuche begeben, und möchten in diesem Beitrag die ehrenamtliche Archäologin Minna Plaß näher vorstellen.

„Den Inhalt ihres privatesten Daseins bilden ein Kater, an den sie ihre ganze Liebe gehängt hat, und Betätigung in der Vorgeschichtsforschung.“

(Carl Feddern, Rektor i.R. am 28.11.1947 über Minna Plaß (Staatsarchiv Hamburg, 221-10_314, Plass, Minna Sophie Lina))

Minna Sophie Lina Plaß wurde am 13. Dezember 1893 in Hinschenfelde geboren. Damals war Hinschenfelde ein Industrievorort der bis 1937 selbständigen Stadt Wandsbek; heute ist es ein Wohngebiet in den Hamburger Stadtteilen Wandsbek und Tonndorf. Ihre Eltern waren der Ziegelmeister Ludwig Carl Plaß (1849–1911) und Louise Wilhelmine Sophie Plaß, geb. Dreimann (1851–1905). Ihre Eltern hatten am 19. Dezember 1879 in Detmold geheiratet; wann sie in den Norden gezogen waren, ist nicht bekannt.

Als Minna Plaß 12 Jahre alt war, starb ihre Mutter. Ihr Vater blieb nach dem Tod seiner Ehefrau unverheiratet; die Erziehung der Tochter lag daher in den Händen einer Haushälterin. Als Minna Plaß 17 Jahre alt war, verlor sie auch ihren Vater, und lebte für ein Jahr bei ihrem Vormund. 1912 zog sie in ein Diakonissenheim in Altona, in dem sie dann bis kurz nach dem Ersten Weltkrieg wohnte (Staatsarchiv Hamburg, 221-10_314, Plass, Minna Sophie Lina).

Minna Plaß besuchte zunächst eine Volksschule, dann eine Mittelschule, und wechselte schließlich auf eine höhere Mädchenschule. Sie absolvierte ein Oberlyzeum, und bestand Ostern 1916 ihre Lehramtsprüfung für Lyzeen, Mittel- und Volksschulen. Sie arbeitete vor allem als Sportlehrerin (Staatsarchiv Hamburg, 221-10_314, Plass, Minna Sophie Lina; Lubitz 1961). Von 1916 bis 1923 unterrichtete sie im „Krüppelheim Alten Eichen“ in Stellingen, das ebenfalls von den Diakonissen betrieben wurde, bei denen sie lebte. In den folgenden zwei Jahren war Minna Plaß „auftragsweise“ an verschiedenen Schulen in Altona tätig. 1925 wurde ihr „die Befähigung zur endgültigen Anstellung als Lehrerin zuerkannt“; am 1. Dezember 1925 wurde Minna Plaß als Lehrerin in den Staatsdienst übernommen. Sie unterrichtete dabei oft an Schulen, deren Schüler*innen auf Grund ihrer sozialen und familiären Verhältnisse als besonders schwierig galten (Staatsarchiv Hamburg, 221-10_314, Plass, Minna Sophie Lina).

Durch Zufall zur Archäologie

Im April 1934 kam Minna Plaß durch Zufall zur Archäologie. In diesem Jahr führte der Prähistoriker Roland Schroeder (1902–1943) von der Vorgeschichtlichen Abteilung des Altonaer Museums Ausgrabungen auf dem Gelände des Tannenhofs in Rissen, westlich von Altona an der Elbe gelegen, durch, hatte dort aber mit einem „[…] zeitweilige[n] Mangel an Mitarbeitern und häufige[n] Regenfälle[n]“ zu kämpfen. „Frl. Plaß aus Altona (Schule Osdorf)“ sowie „Lehrer Lubitz aus Nienstedten (Schule Osdorf)“ werden von ihm neben anderen freiwilligen Helfer*innen in seinem Grabungsbericht namentlich genannt (frdl. Hinweis Sonja Grimm). Erwin Lubitz (1898–1969) war durch den Rektor der Osdorfer Schule bereits 1930 angeregt worden, sich für Vorgeschichtsforschung zu interessieren (Cords 1969); 1959 übernahm er von Minna Plaß die ehrenamtliche Leitung der Abteilung für Vorgeschichte im Museum Altona (Archiv des Archäologischen Museums Hamburg AM 110 B1-02).

Minna Plaß stand Roland Schroeder „von nun an bei jeder Grabung zur Seite“ (Lubitz 1961). Dies schloss mitunter die Versorgung der auf den Ausgrabungen mithelfenden Kindern und Jugendlichen mit ein, für die sie aus eigenen Mitteln Essen besorgte (Staatsarchiv Hamburg, 221-10_314, Plass, Minna Sophie Lina). Sie unterstützte Roland Schoeder darüber hinaus in der Museumsarbeit. Zur Jahreswende 1936/1937 schrieb er in das Inventarbuch seiner Abteilung:

“Wertvolle Hilfe bei allen Untersuchungen im Gelände – ebenso wie beim Gefäßezusammensetzen, Vervollständigen, Funderwerben und vielem anderem – leistete Frl. Plaß, die einen großen Teil der Grabungen allein und völlig selbständig durchführte”

(Archiv des Archäologischen Museums Hamburg AM 110 B1-02)

Minna Plaß Wirkungsstätte: Das Altonaer Museum

1863 gründeten engagierte Bürger ein öffentliches Museum in Altona, das anfangs vor allem eine naturkundliche Sammlung beinhaltete. 1888 wurde es von der Stadt Altona übernommen. Zur Jahrhundertwende erbaute Altona dem Museum einen repräsentativen Neubau, der 1901 eingeweiht wurde. Das „Altonaer Museum“ erhielt damals seinen Namen – und seinen ersten hauptamtlichen Museumsdirektor: den Lehrer, Zoologen und Geographen Otto Lehmann (1865–1951). Als Anhänger der Reformpädagogik ging es ihm vor allem um Anschaulichkeit: Er wollte sie vor allem mit Dioramen, Haus- und Schiffsmodellen sowie Bildern von Natur- und Lebenswelten erreichen. Das Museum hatte mit diesem damals wegweisenden Konzept großen Erfolg, und wurde schon bald erweitert. Zum 250-jährigen Stadtjubiläum Altonas 1914 wurde der neue Flügel des Altonaer Museums eingeweiht (Altonaer Museum; Lühning 1970, 64-65).

Im Jahr 1934 wurde eine Vorgeschichtliche Abteilung im Altonaer Museum eingerichtet und der Prähistoriker Roland Schroeder mit ihrem Aufbau betraut. Zwei Jahre später, im November 1936 wurde sie der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Durch den Ankauf von Sammlungen und Einzelstücken, insbesondere aber durch archäologische Ausgrabungen in Rissen und Groß-Flottbek wurde die Sammlung erheblich erweitert (Plaß 1948/49, 51). In seinem Bericht aus dem Eröffnungsjahr schrieb Roland Schröder:

“Ferner wurde dann im letzten Herbst und Winter wieder von unserer rührigsten Helferin, Fräulein Plaß, monatelang auf dem durch Sandabbau gefährdeten Urnenfriedhof von Appen gegraben und dabei eine Menge Urnen und Beigaben geborgen“

(Archiv des Archäologischen Museums Hamburg, AM 110 B1-01)

Doch nicht nur auf den Ausgrabungen des Altonaer Museums war Minna Plaß tätig, auch auf ihre Restaurierungstätigkeiten ging Roland Schroeder ein:

“Aus der Fülle der Arbeiten ‚hinter den Kulissen‘ des Museums seien nur die Zusammensetzung und Ergänzung der Urnen und Beigefäße herausgegriffen. Deren Zahl hat sich fast verdoppelt, vor allem durch die letzten erfolgreichen Grabungen bei Appen, von wir jetzt über 40 Gefäße besitzen. Ihre Wiederherstellung hat viele Wochen angestrengter Arbeit erfordert, die hauptsächlich von Fräulein Plaß […] geleistet wurde”

(Archiv des Archäologischen Museums Hamburg, AM 110 B1-01)

In diesem Jahr nahm Minna Plaß auch an der Tagung der Nord- und Westdeutschen Arbeitsgemeinschaft des Reichsbundes in Braunschweig teil (Archiv des Archäologischen Museums Hamburg, VK 718 B2_01).

Als Gestaltungselemente dienten in der neu eröffneten Abteilung für Vorgeschichte Modelle und Dioramen sowie ein Wandfries mit 18 Lebensbildern von der Steinzeit bis zum Mittelalter, das von der promovierten Kunsthistorikerin, Archäologin und Volkskundlerin Hildamarie Schwindrazheim (1902–1998) erstellt wurde (Hamburger Fremdenblatt vom 3.7.1936, 6): Beides wird von Roland Schroeder in einer Festschrift zum 75-jährigen Bestehen des Altonaer Museums herausgestellt, die Urheberin aber nicht genannt (Schoeder 1938, 6). Er bedankt sich in seinem Artikel zwar bei den ehrenamtlichen Helfern und Sponsoren, nennt hier aber nur Männer – obwohl ihm Minna Plaß zu diesem Zeitpunkt bereits vier Jahre lang unterstützte, und er sie in seinen maschinenschriftlichen Berichten aus der Vorgeschichtlichen Abteilung regelmäßig nannte und ihre Bedeutung für die vorgeschichtliche Abteilung betonte (Archiv des Archäologischen Museums Hamburg AM 110 B1-01).

Zusammenarbeit mit dem Prähistoriker Roland Schroeder (1902–1943)

Der Aufbau der Vorgeschichtlichen Abteilung im Altonaer Museum ist eng verbunden mit dem Prähistoriker Roland Schroeder (1902–1943). Nach seiner Schulzeit in Altona studierte er Vorgeschichte, Geschichte, Archäologie, Volkskunde und Anthropologie an der Universitäten Hamburg und Marburg. Promoviert wurde er 1940 bei Gustav Schwantes (1881-1960) an der Universität Kiel mit einer Arbeit über die „Nordgruppe der Oderschnurkeramik“; Museumsreisen zur Materialaufnahme für diese Arbeit führte er 1925 und 1935 durch. Aus wirtschaftlichen Gründen musste er sein Studium für einige Zeit unterbrechen und arbeitete in der Familienforschung und Burgenkunde. Als er 1934 am Altonaer Museum als wissenschaftlicher Hilfsarbeiter zum Aufbau einer neuen Abteilung eingestellt wurde, hatte er noch keinen Studienabschluss in der Tasche (Plaß 1948; Schroeder 1951, V; Beckmann 2020, 295-296). Im Gegensatz dazu war seine 1932 am Altonaer Museum ebenfalls als wissenschaftliche Hilfsarbeiterin eingestellte Kollegin Hildamarie Schwindrazheim bei Dienstantritt bereits promoviert, doch beide wurden anfangs gleichermaßen außertariflich mit lediglich 50 Reichsmark pro Monat vergütet. Der damalige Leiter des Altonaer Museums, Hubert Stierling (1882–1950), setzte sich regelmäßig für Gehaltserhöhung seiner beiden Mitarbeitenden ein. Nach seiner Promotion im Jahr 1940 wurde Roland Schroeder dann direkt 1941 am Altonaer Museum verbeamtet, seine Kollegin jedoch nicht (Staatarchiv Hamburg, 363-4_54 Schwindrazheim, Hildemarie; Beckmann 2020, 295–296).

Roland Schroeder engagierte sich seit Ende des Ersten Weltkriegs in Freikorps und Wehrverbänden, und stand dem Nationalsozialismus aufgeschlossen gegenüber. 1924 trat er dem rechtsgerichteten Wehrwolf. Bund deutscher Männer und Frontkrieger bei, und wurde aus dieser Organisation 1933 in die SA übernommen. 1937 erfolgte der Eintritt in die NSDAP. Politisch hatte er mit Minna Plaß wenig gemeinsam: Sie war vor 1933 Mitglied in der linksliberalen Deutsche Demokratische Partei (DDP), und trat trotz Aufforderungen nie in die NSDAP ein. Entsprechend unbelastet galt sie nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs (Beckmann 2020, 296-297).

Im Februar 1941 ließ sich Roland Schroeder als Kriegsfreiwilliger zur Wehrmacht einberufen. Minna Plaß führte seine Arbeit in der Vorgeschichtlichen Abteilung des Altonaer Museums fort. Wie aus den von Roland Schroeder erhaltenen Feldpostbriefen an seine Mutter hervorgeht, sandte ihm Minna Plaß regelmäßig Päckchen mit Naschwerk – Schokolade, Bonbons, Nüssen und dergleichen – sowie Zeitschriften zu; sie schien ihm aber eher selten zu schreiben. Minna Plaß schien während seiner Abwesenheit regelmäßig nach seiner Mutter zu sehen. Durch Briefe wurde Roland Schroeder auch während der Kriegsjahre über die Arbeiten am Altonaer Museum auf dem Laufenden gehalten (Staatsarchiv Hamburg, 622-1/218_1 Band 1 -3 Feldpostbriefe Roland Schroeders an die Mutter Marie Schroeder). Roland Schroeder fiel am 2. Oktober 1943 bei Kyjiw. Minna Plaß bemühte sich daraufhin um den posthumen Druck seiner Dissertation (Plaß 1948; Schroeder 1951). Seine Kustodenstelle am Museum blieb bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs unbesetzt; 1945 wurde Hildamarie Schwindrazheim auf dieser Stelle dauerhaft in den Museumsdienst übernommen (Staatarchiv Hamburg, 363-4_54 Schwindrazheim, Hildemarie). Minna Plaß kümmerte sich weiterhin im Ehrenamt um die Vorgeschichtliche Abteilung.

Abteilungsleitung im Ehrenamt im Altonaer Museum

Minna Plaß selbst verlor 1943 durch einen Luftangriff auf Hamburg die kleine Wohnung, in der sie seit 1929 lebte. Sie kam in einem Zimmer im Altonaer Museum unter, das sie während der Nachkriegsjahre weiterhin bewohnte (Staatsarchiv Hamburg, 221-10_314, Plass, Minna Sophie Lina).

Ab 1945 baute Minna Plaß die Vorgeschichtliche Abteilung des Altonaer Museums wieder auf. Ihr Nachfolger Erwin Lubitz, Mittelschullehrer a.D. und wie seine Vorgängerin ehrenamtlich tätig, schrieb dazu 1963 in das Vorwort des von ihm neu angelegten Inventarbuches der Abteilung:

„[…] nach dem Kriege und der Teilzerstörung des Museumsgebäudes übernahm die 1893 geborene, damals im Altonaer Schuldienst beschäftige und bald pensionierte Lehrerin Frl. Minna Plaß die ehrenamtliche Betreuung der Vorgeschichtsabteilung. Sie baute vor allem die Schausammlung neu auf und führte für das Museum Grabungen in Appen, Rissen und Osdorf durch. Frl. Plaß schied am 4.1.1959 durch Erkrankung aus dieser Tätigkeit“

(Archiv des Archäologischen Museums Hamburg AM 110 B1-02)

Erwin Lubitz, der bei „Schroeders Grabung vor dem Kriege und bei Frl. Plaß Grabungen nach dem Kriege“ geholfen hatte, übernahm am 24.4.1959 die ehrenamtliche Leitung der Abteilung an zwei Wochentagen (Archiv des Archäologischen Museums Hamburg AM 110 B1-02).

In einen Bericht aus dem Jahre 1948 blickte Minna Plaß selbst auf die Kriegsjahre zurück: „Während des Krieges wurde die Ausstellung abgebaut und an geschützten Stellen des Hauses verstaut. Im Allgemeinen hatte wir Glück damit. Die Stein- und Bronzesachen sind alle erhalten, nicht so die Tongefäße. Das Kleben der Gefäße mit Kaltleim hat sich als nicht gut erwiesen; da seit 1943 die Zentralheizung bei uns ganz ausfiel, waren die Lagerräume ganz feucht, der Kaltleim löste sich auf und manche Gefäße fielen zusammen. Außerdem hat ein Fliegerangriff noch einige davon vernichtet. Aber im großen und ganzen sind wir froh, unsere Abteilung so gut durch den Krieg hindurch bewahrt zu haben.“ Zur damals aktuellen Situation der Ausstellung schrieb sie: „Die bisherigen Ausstellungsräume sind noch nicht wieder verfügbar, da sie als Lagerräume dienen müssen. So müssen wir uns zunächst damit begnügen, in der geologischen Abteilung eine Teilausstellung zu machen. Das wird in der allernächsten Zeit geschehen.“ (Plaß 1948/49, 51-52).

Die Nachkriegsjahre brachten für Minna Plaß große Veränderungen in ihrem Berufsleben als Lehrerin. Im Mai 1947 wurde sie von ihrem Dienst als Lehrerin suspendiert, und zum 30. September 1949 aus dem Schuldienst entlassen. Der Grund war ein Strafverfahren, das mit einem Schuldspruch endete: Minna Plaß hatte seit dem Beginn des Weltkriegs ebenfalls ehrenamtlich bei der Ausgabe von Lebensmittelmarken geholfen; in den Jahren 1946 und 1947 inklusve des sog. Hungerwinters nicht abgeholte Lebensmittelmarken zurückbehalten und an Bedürftige weitergegeben. Das brachte ihr eine Anklage wegen Unterschlagung und Verurteilung ein. Auf das Strafverfahren folge ein Disziplinarverfahren vor der Dienststrafkammer Hamburg: Die Akten von diesem Prozess sind im Staatsarchiv Hamburg überliefert (Staatsarchiv Hamburg, 221-10_314, Plass, Minna Sophie Lina). Die Dienstaufsichtsbehörde konnte zwar die Beweggründe für ihr Tun und ihr Bedürfnis, anderen zu helfen, teilweise nachvollziehen, so blieb ihr doch nichts anders übrig, als Minna Plaß aus dem Schuldienst zu entlassen. Als Vorbestrafte konnte sie ihrer Vorbildfunktion als Lehrerin nicht mehr nachkommen. Ihr wurden aber in Anerkennung ihrer 23 Dienstjahre als Lehrerin und da „die Beschuldigte angesichts ihres Alters und ihrer körperlichen Konstitution in absehbarer Zeit eine durchschnittlich bezahlte Anstellung nicht finden werde“ für fünf Jahre 75% ihres Ruhegehalts, und auf Lebenszeit 50% ihres Ruhegehalts zugesprochen (Staatsarchiv Hamburg, 221-10_314, Plass, Minna Sophie Lina). Das bedeutete: Ihr Lebensunterhalt war gesichert, und Minna Plaß konnte sich weiterhin ihrem Ehrenamt der Archäologie und der Vorgeschichtlichen Abteilung am Altonaer Museum widmen.

Archäologische Arbeiten der Nachkriegsjahre

Im Nachruf auf Minna Plaß schreibt ihr Nachfolger über ihre archäologischen Arbeiten: „1948 ermöglichte sie die von Prof. Dr. Schwabedissen durchgeführte Grabung in Hamburg-Rissen, die zur Datierung der Lyngby-Stufe führte“ (Lubitz 1961). Hermann Schwabedissen (1911-1994) schrieb in seinem Aufsatz über den Fundplatz Hamburg-Rissen zu dessen Forschungsgeschichte: „Dr. Roland Schröder hatte mit Unterstützung der Lehrerin Minna Plaß einen von Herrn Drygalla entdeckten Fundplatz – „Timmermanns Moorloch“ – ausgegraben“. Weiter führte er dazu aus: „Vom 29. Juli bis 11. September 1948 führten das Schleswig-holsteinische Museum vorgeschichtlicher Altertümer, das Landesamt für Vor- und Frühgeschichte Schleswig-Holstein und das Altonaer Museum in Rissen weitere Ausgrabungen durch. Ermöglicht wurden die Arbeiten durch finanzielle Hilfe der Landesregierung Schleswig-Holstein sowie von privater Seite durch Frau Anna-Maria Darboven, Hamburg-Blankenese, Dr. med. Zimmern, Rissen und Mühlendirektor Bruns, Wedel. Eine wesentliche Voraussetzung für die Durchführung der Arbeiten war ferner die Unterstützung durch das Altonaer Museum, besonders der unermüdliche Einsatz von Fräulein Minna Plaß, Betreuerin der urgeschichtlichen Abteilung.“ (Schwabedissen 1948/1949, 86). Unter den freiwilligen Helfer*innen wird Minna Plaß in diesem Text noch einmal genannt. Dies blieb jedoch nicht ihre einzige Ausgrabung in den Nachkriegsjahren: „Im Nov./Dez. 1950 legte sie in einer Notgrabung im Püttkampsweg in Hamburg-Osdorf trotz Nässe und Kälte die Gruben eines Töpfers (mit der entsprechenden Keramik) des 2. Jahrhunderts v. Chr. frei“ (Lubitz 1961). Die Sammel- und Ausstellungstätigkeit des Altonaer Museum stelle jedoch ab den 1950er Jahren eher Kulturgeschichte und bildende Kunst in den Mittelpunkt; daher wurde wohl keine hauptamtliche Person mehr für die Vorgeschichte eingestellt. Die vor- und frühgeschichtlichen Bestände des Altonaer Museums, das seit der Eingemeindung Altonas in die Stadt Hamburg 1938 ebenfalls zu Hamburg gehörte, wurden in den 1970er Jahren an das damalige Helms-Museum in Harburg, das heutige Archäologische Museum Hamburg abgegeben (Weiss 2018, 115-116).

Regelmäßige Besuche auf Fachtagungen

Minna Plaß besuchte regelmäßig Fachtagungen zur Vor- und Frühgeschichte. Sie ist etwa auf der Teilnehmendenliste der Jahresversammlung des Nordwestdeutschen Verbandes für Altertumsforschung 1952 in Schleswig als „Fräulein Minna Plaß, Hamburg“ (Archiv des Archäologischen Museums Hamburg Inventarnummer HM 818 B1_01d) und auf der Jahresversammlung 1953 in Detmold als „Minna Plass, Hamburg-Altona“ (Archiv des Archäologischen Museums Hamburg Inventarnummer HM 818 B1_01c) verzeichnet. Interessant ist, dass bei ihr keine Berufsbezeichnung angegeben wird; bei anderen Teilnehmenden werden oft Beruf oder berufliche Stellung genannt. Auf der Teilnehmendenliste der gemeinsamen Tagung des West- und Süddeutschen und des Nordwestdeutschen Verbands für Altertumskunde 1956 in Lüneburg findet sie sich als „Frau Minna Plass, Hamburg“. Minna Plaß war mit der Mitgliednummer 12 zudem Mitglied im Hamburger Vorgeschichtsverein (Archiv des Archäologischen Museums Hamburg Inventarnummer HM 817 B2_01).

Im Januar 1959 musste Minna Plaß aus gesundheitlichen Gründen ihre archäologische Arbeit ganz aufgeben. Sie starb am 15. August 1962 in Hamburg

„Nun hat sich ihr Leben vollendet, in dem sie als Laie der Wissenschaft, der Öffentlichkeit und durch ihre vielen Klassenführungen auch der Schule zu dienen verstand“

Erwin Lubitz, Mittelschullehrer a.D., im Nachruf auf Minna Plaß (Lubitz 1961, 169)

Danksagung

Ich bedanke mich bei Dieter Schröder, Archiv des Archäologischen Museums Hamburg, Sonja Grimm, LEIZA-ZBSA, Jan Kaczmarek, Museum Schloss Gottorf, sowie meiner Kollegin Julia K. Koch für hilfreiche Hinweise auf Quellen zu Minna Plaß.

Quellen und Literatur

Archivquellen

Archiv des Archäologischen Museums Hamburg

  • AM 110 B1-01
  • AM 110 B1-02
  • AM 721 B1_01
  • HM 817 B2_01
  • HM 818 B1_01c
  • HM 818 B1_01d
  • VK 718 B2_01

Archiv der Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung BBF

Matrikelportal der Universität Hamburg

Staatsarchiv Hamburg

Zeitungsartikel

Literatur

Rudolf Beckmann, Zwischen Wissenschaft und Nationalsozialismus – Hamburgs Museumswissenschaftler 1930-1960. Dissertation (Hamburg 2020). Online verfügbar unter https://ediss.sub.uni-hamburg.de/handle/ediss/9850

Herbert Cords, Nachruf auf Erwin Lubitz. In: Bürger- und Heimatverein Nienstedten e.V. (Hrsg.), Der Heimatbote 6/18, 1969, 4. Online verfügbar unter https://hb2.nienstedten-hamburg.de/Heimatbote/1969/HB_06_69.pdf [30.4.2024]

Erwin Lubitz, Minna Plaß (+). Hammaburg 7/XIII, 1961, 169.

Arnold Lühning, Schleswig-Holsteinische Museen und Sammlungen (Flensburg 1970).

Minna Plaß, Dr. Roland Schroeder. Hammaburg I-III, 1948/1949, 78.

Minna Plaß, Museum Altona: Tätigkeitsbericht der vorgeschichtlichen Abteilung des Altonaer Museums. Hammaburg I-III, 1948/1949, 51-52

Hermann Schwabedissen, Hamburg-Rissen, ein wichtiger Fundplatz der frühen Menschheitsgeschichte. Hammaburg 1/I-III, 1948/1949, 81-90.

Roland Schroeder, Stadt und Bürger bauen ein Museum. In: Altonas Museum bewahrt das Antlitz der Heimat. Eine Festschrift zum 75-jährigen Bestehen des Altonaer Museums (Hamburg 1938), 4-7.

Roland Schroeder, Die Nordgruppe der Oderschnurkeramik. Vorgeschichtliche Forschungen 44 (Berlin 1951).

Rainer-Maria Weiss (Hrsg.), 120 Jahre Archäologisches Museum Hamburg (Hamburg 2018).

Altonaer Museum: Geschichte des Museums https://www.shmh.de/altonaer-museum/ueber-das-museum/ [7.5.2024]


Dieser Blogeintrag ist am 9. Mai 2024 zuerst unter https://aktarcha.hypotheses.org/5767 erschienen.

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Forschende - Lehrende - Archäologin | Prähistorikerin - Hochschuldidaktikerin