Doris Gutsmiedl-Schümann

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Doris Gutsmiedl-Schümann

Präsenzfreies Sommersemester 2020 (3):

Die Ausnahmesituation sichtbar machen

Doris Gutsmiedl-Schümann

3 Minuten Lesezeit

In den letzten Tagen ist mir durch die Vorbereitung meiner Lehre mehr und mehr bewusst geworden, wie sehr sich das Sommersemester 2020 von allen anderen Semestern unterscheiden wird: Dies ist ein Aspekt, der meines Erachtens in den Lehrveranstaltungen immer wieder an- und ausgesprochen werden muss.

Vor einigen Tagen wurde ich auf einen englischsprachigen Tweet aufmerksam, in dem die Ergänzung aktueller Seminarpläne oder Syllabi um eine Art Vorwort angeregt wurde, das die aktuelle Situation an den Hochschulen und im Studium thematisiert: _Tip o’ the day: Add this to your syllabus. Your students will always remember it, it will help establish community, and it addresses the needs of our current moment perfectly. The author has made it open access for all to use_

Die Vorlage hierfür wurde von ihrem Autor, Brandon Bayne, Associate Professor of Religious Studies in Chapel Hill, über ein google.doc frei zur Verfügung gestellt.

Diese Idee hat mich seither nicht mehr losgelassen…

Ich habe bislang selten für meine Lehrveranstaltungen explizite Leitlinien formuliert – und wenn ich das gemacht habe, dann in der Regel mündlich, in der ersten Sitzung. So war mir beispielsweise in meinem seminaristischen Workshop zu Themen der archäologischen Arbeitswelt, in dem es durchaus im Bereich des Möglichen lag, dass sensible oder persönliche Themen angesprochen werden, wichtig, dass sich alle Teilnehmenden gegenseitige Vertraulichkeit zusichern, und dass das, was im Workshop besprochen wird, innerhalb der Teilnehmenden des Workshops bleibt.

Durch den präsenzfreien Start ins Sommersemester wird es nun aber keine ersten Sitzungen geben, in denen ich vor den Studierenden zum Ausdruck bringen könnte, welches Miteinander mir in einem Seminar oder einer Übung wichtig sind: Daher ist es durchaus eine Überlegung wert, dies schriftlich zu formulieren – auch und gerade, um die Besonderheiten und die Herausforderungen des Sommersemester 2020, die sich Lehrenden wie Studierenden stellen, im Blick zu behalten.

Ich habe mir daher den Text von Brandon Bayne als Vorbild genommen, und angepasst auf die Studiengänge, in denen ich unterrichte, folgende Leitlinien für meine Lehrveranstaltungen formuliert:

  1. Keiner von uns hat sich dies ausgesucht:
  • Nicht die Krankheit, nicht die Pandemie, nicht das social distancing, nicht das plötzliche Ende des gewohnten universitären Alltags in Lehre und Forschung
  • Nicht die digitale Lehre, nicht das Fernstudium, nicht das Lernen und Studierenden von zu Hause aus
  • Nicht die plötzlich erforderlichen Kenntnisse vielfältiger Technologien, nicht die vielen neuen Wege zu Literatur und Lehrmaterialien
  1. Die Option, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt, ist immer die Beste:

Unsere Prioritäten liegen daher darauf, im Kontext der Veranstaltung sinnvolle, einfache Lösungen zu bevorzugen Ressourcen, wo möglich, gemeinsam zu nutzen klar und eindeutig zu kommunizieren und uns gegenseitig zu unterstützen 3. Wir können nicht einfach online und digital das weiter machen, was wir aus Veranstaltungen früherer Semester gewohnt sind: Bibliotheken sowie Museen und Lehrsammlungen sind geschlossen, und uns fehlt damit unsere wichtigste Arbeitsgrundlage

Einige Aufgabenstellungen sind somit nicht mehr möglich Einige Erwartungen sind nicht mehr zu erfüllen Einige Ziele sind damit nicht mehr zu erreichen Daher ist es wichtig, dass wir von uns und anderen nichts Unmögliches erwarten; es soll uns aber auch nicht daran hindern, unser Bestmöglichstes zu geben

  1. Wir stellen in dieser Veranstaltung Vereinbarkeit sicher: Vereinbarkeit mit persönlicher, fachlicher und intellektueller Entwicklung, Vereinbarkeit mit sozialen Kontakten, Vereinbarkeit mit Aufgaben in Familie und Nebenjob

Im Mittelpunkt dieser Veranstaltung steht daher asynchrones und selbstgesteuertes Lernen Zusätzliche synchrone Einheiten dienen dazu, Methoden, Theorien und Inhalte zu diskutieren, gemeinsam zu lernen, und einer Vereinsamung entgegenzuwirken 5. Wir bleiben flexibel und passen uns den sich nach wie vor verändernden Gegebenheiten an

Niemand weiß, was noch kommt, und an welche Veränderungen wir uns noch anpassen müssen Jede*r von uns braucht in dieser außergewöhnlichen Zeit Unterstützung und Verständnis Daher: Lassen Sie uns dieses außergewöhnliche Semester in dieser Lehrveranstaltung gemeinsam meistern!


Dieser Blogeintrag ist am 27. März 2020 zuerst unter https://archiskop.hypotheses.org/582 erschienen.

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Forschende - Lehrende - Archäologin | Prähistorikerin - Hochschuldidaktikerin