Doris Gutsmiedl-Schümann

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Doris Gutsmiedl-Schümann

Präsenzfreies Semester (8):

Kamera an? Kamera aus?

Doris Gutsmiedl-Schümann

6 Minuten Lesezeit

Gedanken zur synchronen Online-Lehre und zur Nutzung der Kamera in Videokonferenzen.

Das Sommersemester hat das Studium in kurzer Zeit auf den Kopf gestellt, und digitale Notfall-Lehre musste auf Grund der weltweiten Covid-19-Pandemie schnell und ohne große Vorbereitung umgesetzt werden. Inzwischen ist die Vorlesungszeit des Sommersemesters vorbei, und vielerorts wurde darüber gesprochen und geschrieben: Unter anderem auch im Hinblick auf das Wintersemester, in dem uns die digitale Lehre nach wie vor begleitet. Erstaunlich häufig wird hier – für mein Empfinden – die Kamera in Videokonferenzen thematisiert: Daher möchte ich hierzu einige meiner Gedanken teilen.

Wenn es um virtuelle Seminarräume und die damit verbundenen Videokonferenzen geht, spielt rückblickend häufig das Video eine besondere Rolle: oft verbunden mit der Forderung von Seiten der Lehrenden, die Kamera bitteschön immer anzulassen, da sie, die Lehrenden, nicht mit schwarzen Kacheln sprechen möchten. Auf den ersten Blick eine nachvollziehbare Einstellung, auf den zweiten Blick aus meiner Sicht jedoch schwierig, da diese Forderung vor allem die Lehrenden, nicht die Studierenden in den Fokus der Veranstaltung stellt. Zudem scheinen die schwarzen Kacheln besonders bei der Nutzung von bestimmten virtuellen Seminarräumen störend aufzufallen, wie u.a. auf dem Hochschulforum Digitalisierung im Beitrag „Webcam-Nutzung von Studierenden in Online-Veranstaltungen: Warum eine schwarze Wand nicht stumm sein muss und wie man Studierende aus der Reserve lockt“ beschrieben wird.

Sehr schwierig wird es aus meiner Sicht, wenn Lehrende die Studierenden nicht nur dazu zwingen wollen, die Kamera einzuschalten, sondern zudem noch weitere Forderungen stellen: Etwa dass die Teilnehmer*innen in bestimmter Kleidung vor der Kamera erscheinen sollen, und während des Seminars bitte Kinder und Haustiere aus dem Erfassungsbereich der Kamera fernhalten sollen, um den Ernst des Seminars nicht zu gefährden. Aus Sicht des/der individuellen Dozent*in geht es dabei oft nur um 90 Minuten oder zwei Stunden pro Woche – für die Studierenden geht es jedoch um weitaus größere Zeitkontingente.

Versuch eines Perspektivwechsels: Online-Veranstaltungen aus Sicht der Studierenden

Lehrende stellen hier Lehrenden in den Mittelpunkt der Veranstaltung. Es sollte in der akademischen Lehre jedoch meines Erachtens nicht in erster Linie um das Wohlbefinden der Lehrenden gehen, sondern die Studierenden sollten die Hauptrolle spielen. Daher möchte ich zunächst einen Perspektivwechsel versuchen.

Lehrende befinden sich, auch wenn sie ein hohes Lehrdeputat haben und alle Veranstaltung synchron über Videokonferenz anbieten, nur für wenige Stunden pro Woche in einem virtuellen Seminarraum. Zudem haben Lehrende oft entweder die Möglichkeit, digitale Lehre von ihrem Büro aus zu betreiben, oder können sich Zuhause eine Arbeitsecke oder ein ganzes Arbeitszimmer einrichten, von wo sie sich in den virtuellen Seminarraum einschalten. Dies bedeutet auch, dass Lehrende die Möglichkeit haben, Universitäres und Privates zu trennen, und geben durch das Videobild aus ihrer Arbeitsumgebung nur wenig Persönliches preis.

Studierende müssen, je nach Studiengang, ein Vielfaches dieser Zeit in virtuellen Seminarräumen verbringen. Über ein Büro oder ein Arbeitszimmer verfügen die Wenigsten von ihnen, so dass hier Universitäres und Privates zwangsläufig viel enger beieinander liegt. Es ist für Studierende also viel schwieriger, Persönliches aus dem Fokus der Kamera herauszuhalten – und diese persönlichen Dinge geben sie ja nicht nur gegenüber den Dozent*innen preis, sondern auch gegenüber allen anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Lehrveranstaltung. Ein Grund also, die Kamera nicht permanent anzuschalten – sofern das Endgerät, mit dem die Studierenden am synchronen Online-Unterricht teilnehmen, überhaupt eine Kamera hat.

Ein Einwand hierzu könnte nun sein, dass viele der gängigen Programme für Videokonferenzen es inzwischen ermöglichen, virtuelle Hintergründe einzurichten. Allerdings funktioniert dies nur, wenn der Computer, über den an der Videokonferenz teilgenommen wird, leistungsfähig genug ist, um diese Möglichkeit zu nutzen. Darüber hinaus reagieren virtuelle Hintergründe auf den realen Hintergrund im Bild: Wenn dieser besonders unruhig ist, dann funktioniert auch der virtuelle Hintergrund mitunter nicht, oder nur teilweise. Studierende haben aber vielleicht gar nicht die Möglichkeit, sich während der Lehrveranstaltungen so zu platzieren, dass hinter ihnen eine weiße Wand zu sehen ist, und sie von virtuellen Hintergründen Gebrauch machen können, selbst wenn ihr Computer leistungsfähig genug dafür ist.

Hinzu kommt der Aspekt des Beobachtet-Werdens. Im Seminarraum an der Universität steht oder sitzt auf der einen Seite der oder die Lehrende, auf der anderen Seite die Gruppe der Studierenden: Jeder Student und jede Studentin blickt also während der Veranstaltung auf den Dozenten oder die Dozentin, sieht aber nicht die anderen Studierenden. Im virtuellen Seminarraum mit angeschalteten Kameras ändert sich die Perspektive: Während es für Lehrende normal ist, alle Studierenden vor sich zu sehen, ist diese Perspektive für die Studierenden ungewohnt: Sonst sehen sie ihre Mitstudierenden ja nicht von vorne. Selbst die anderen Teilnehmer*innen beobachten zu können, kann aber auch ein Gefühl des Beobachtet-Werdens auslösen, das für manche Studierenden unangenehm und ablenkend ist. Eine ausgeschaltete Kamera hilft diesen Studierenden, sich auf die Inhalte der Lehrveranstaltung zu konzentrieren.

Die Internetanbindung der Studierenden spielt bei der Frage, ob die Kamera längere Zeit angeschaltet bleiben kann, ebenfalls eine Rolle. Nicht jede*r hat von zu Hause eine entsprechende Bandbreite zur Verfügung, und wenn sich mehrere Studierenden – etwa in einer Wohngemeinschaft – die Bandbreite für die Videokonferenzen auch noch teilen müssen, dann produzieren mehrere Videofeeds zu viel Datenvolumen, und stehen einer stabilen Verbindung in den virtuellen Seminarraum im Weg. Auch in diesen Fällen ist es sinnvoller, auf das Videobild des/der zuhörenden Studierenden zu verzichten, um eine stabile Verbindung und damit eine ununterbrochene Teilnahme zu ermöglichen: Für die Studierenden ist es wichtiger, dass Sie die gezeigten Inhalte und geteilten Folien sehen, die Erläuterungen dazu hören, und Fragen stellen oder Diskussionsbeiträge geben zu können, als selbst gesehen zu werden. Fragen stellen und an der Diskussion teilzunehmen kann dabei sowohl schriftlich im Chat als auch per Audio nach einer Wortmeldung möglich gemacht werden.

Mein Umgang mit der Kamera im Wintersemester 2020/2021

Für das Wintersemester hatte ich daher beschlossen, in meinen Lehrveranstaltungen den Umgang mit der Kamera in der synchronen Online-Lehre explizit anzusprechen. In Vorlesungen bitte ich bereits auf der Einstiegsfolie darum, bei Beginn der Sitzung die Kamera aus- und das Mikrophon stummzuschalten: Das spart Bandbreite, und die Studierenden können sich auf die präsentierten Inhalte konzentrieren. Erst nach meinem Vortrag, wenn es um Fragen, Kommentare und Diskussion geht, und ich meine Folien auch nicht mehr teile, bitte ich um eine angeschaltete Kamera (sofern das den einzelnen Studierenden möglich ist), und lasse Beiträge sowohl mündlich nach einer Wortmeldung als auch schriftlich im Chat zu. Für meine Seminare überlege ich mir gut, an welchen Punkten im Seminar es sinnvoll ist, um eine angeschaltete Kamera zu bitten. Hier sind es v.a. diejenigen Abschnitt im Seminar, in denen eine Diskussion im Plenum oder ein Austausch der Studierenden untereinander zu Stande kommen soll, in denen die eingeschaltete Kamera sinnvoll ist. Wichtig ist dabei aber auch, zu benennen, wann diese Phase vorbei sind, und die Studierenden die Kamera auch wieder ausmachen können. Am Ende ist vor allem die Interaktion mit den Studierenden wichtig, und nicht, ob ich sie vor ihren Bildschirm sitzen sehe – und für Interaktionen bietet der virtuelle Seminarraum viele Möglichkeiten, die unabhängig von einer Kamera, und auch unabhängig von einem Mikrophon funktionieren.


Dieser Blogeintrag ist am 18. Januar 2021 zuerst unter https://archiskop.hypotheses.org/630 erschienen.

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Forschende - Lehrende - Archäologin | Prähistorikerin - Hochschuldidaktikerin