Doris Gutsmiedl-Schümann

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Doris Gutsmiedl-Schümann

Präsenzfreies Sommersemester 2020 (6):

Virtuelle Museumsbesuche statt Exkursion

Doris Gutsmiedl-Schümann

6 Minuten Lesezeit

Exkursionen sind elementarer Bestandteil archäologischer Studiengänge. Dies können Tagesexkursionen sein, etwa in Museum und Ausstellungen oder zu Fundorten in relativer Nähe zum Studienort; meist ist in einem archäologischen Studiengang aber auch die Teilnahme an mindestens einer mehrtägigen Exkursion vorgesehen. Ersatz für Exkursionen und die zugehörigen vorbereitenden Veranstaltungen zu finden, stellt im präsenzfreien Sommersemester 2020 mit eine der größten Herausforderungen in der kurzfristigen Umgestaltung der Lehrveranstaltungen dar.

Für das Sommersemester 2020 hatte ich zusammen mit meinem Kollegen Ernst Pohl eigentlich geplant, unmittelbar nach dem Ende der Vorlesungszeit eine 12-tägige Exkursion nach Dänemark und Südnorwegen durchzuführen; im Rahmen einer Übung sollte diese Exkursion während des Sommersemesters vorbereitet werden. Die Planungen für die Exkursion waren auch schon sehr weit fortgeschritten: Die Reiseroute stand bereits fest, und sowohl der Bus als auch die Unterkünfte waren bereits reserviert. Mit der Reiseroute wären auch die Themen der vorbereitenden Übung bereits vorgegeben gewesen

Noch vor Beginn des Sommersemesters wurde klar, dass es zumindest fraglich ist, ob wir die Exkursion wie geplant durchführen können. Daher stellte sich auch die Frage, ob es sinnvoll ist, die Studierenden im Rahmen einer Übung auf eine Exkursion vorzubereiten, die wahrscheinlich nicht durchgeführt werden kann – und die auf Grund meiner auf ein Semester befristeten Lehrstuhlvertretung auch nicht auf ein späteres Semester verschoben werden kann.

Ich wollte das Themenfeld Archäologie Südskandinaviens aber auch nicht einfach aus dem digitalen Sommersemester streichen – insbesondere, da die Themen meiner Veranstaltungen einander ergänzen und unterstützen, und mir sonst ein Baustein gefehlt hätte. Das Konzept der Übung zur Exkursionsvorbereitung musste nun also so umgestaltet werden, dass es auch ohne eine anschließende Exkursion eine sinnvolle und in sich stimmige Lehrveranstaltung ergibt. Dabei kamen mir die seit März 2020 deutlich spürbare Zunahme an digitalen Angeboten insbesondere von Museen sehr gelegen. Unter Stichworten wie #closedbutopen wurden auf unterschiedlichen Wegen sowohl neue als auch bereits bestehende digitale Angebote zu Museen, Freilichtmuseen und für Besucher*innen zugängliche Fundstellen und archäologische Ausgrabungen verbreitet, die auf Grund der Maßnahmen zur Verminderung der Ausbreitung von Covid-19 vor Ort geschlossen wurden und nicht mehr besichtigt werden konnten. Diese digitalen Angebote wurden mein Ausgangspunkt der neu konzeptionierten Übung.

Wir beschäftigen uns in der Übung nun auf Grund von digitalen Angeboten von Museen, Freilichtmuseen und Fundstellen mit der Archäologie Südskandinaviens, und um den Übergang von Mittel- nach Nordeuropa mit zu erfassen, beziehen wir in unsere Betrachtungen Norddeutschland mit ein.

Zu Beginn des Semesters erhält jede Teilnehmerin und jeder Teilnehmer einen Link, der auf ein digitales Angebot führt. Die Bandbreite reicht hierbei von 3D-Modellen von Funden und Fundstellen über 360°-Aufnahmen von Ausstellungen und Museumsführungen per Video zu Foto- und Webstories sowie zu computerspielartigen Präsentationen von Fundstellen: Ausgewählt habe ich vor allem Angebote, die in den ersten Wochen der Covid-19-bedingten Schließungen v.a. über social media aktiv beworben wurden. Dieser Link bildet dann die Basis von drei auf einander aufbauenden studentischen Beiträgen in der Übung.

  1. Zu Beginn des Semesters erstellen die Studierenden unmittelbar nach der Themen- bzw. Linkvergabe in einem Forum auf dem e-Campus der Übung einen Steckbrief zu ihrem Link, und stellen u.a. vor, was dort virtuell zu besuchen ist sowie wer für den Inhalt des Links und wer für die Veröffentlichung des Links verantwortlich ist.
  2. Anschließend erhalten sie einige Wochen Zeit, um das, was unter ihrem Link zu sehen ist, aus archäologisch-wissenschaftlicher Perspektive vorzustellen. Hierzu erstellen die Studierenden zunächst eine wissenschaftliche Bibliographie zu ihrem Thema, und stellen dies dann in einem 15-minütigen Vortrag im virtuellen Seminarraum über Videochat vor. Die Inhalte der Vorträge werden in den Sitzungen auch mit einander verglichen und diskutiert. Darüber hinaus erhalten die Studierenden sowohl zur eingereichten Bibliographie als auch zum Vortrag schriftliches Feedback von den Lehrenden.
  3. Der Steckbrief zu dem Link (1) und die archäologisch-wissenschaftliche Bearbeitung des Themas (2) bilden die Basis für einen Blogbeitrag, der den Link im Stile einer Filmkritik bewertet und für ein interessiertes Publikum außerhalb der Wissenschaft einordnet. Diese Blogbeiträge werden zunächst nur auf dem e-Campus der Übung veröffentlicht, und dort sowohl von den Lehrenden als auch von den Studierenden kommentiert. Geplant ist, die mit Hilfe der Kommentare überarbeiteten Texte dann in einem Blog auch tatsächlich außerhalb der Übung zugänglich zu machen.

Neben den individuellen Beiträgen der Studierenden zur Übung haben wir in den ersten Sitzungen des Semesters gemeinsam im virtuellen Seminarraum archäologische Fundstellen mit Hilfe unterschiedlicher Medien virtuell besucht:

  • Virtuelles Reisen mit google maps und google Street View: Das Beispiel Jelling (Dänemark)
  • Fundstellen in 3D: Photogrammetrie und 3D-Modelle am Beispiel Avaldsnes (Norwegen)
  • Filme als Medium virtuellen Reisens? Das Beispiel Valsgärde (Schweden)

Zur Vorbereitung dieser Sitzungen bekamen die Studierenden jeweils einen Aufsatz bzw. einen Teil aus einer Publikation genannt, der den aktuellen Forschungsstand zu der virtuell besuchten Fundstelle gut zusammenfasst; diese Literatur wurde im e-Campus entweder verlinkt oder als PDF bereitgestellt. In der Sitzung selbst haben wir zunächst die Fundstelle mit Hilfe der genannten Medien erkundet, und anschließend diskutiert, welche Aspekte des virtuellen Reisens uns als Wissenschaftler*innen und Archäolog*innen zu Gute kommen, und wie virtuelle Besuche dieser Fundstellen von interessierten Personen, die nicht aus der Fachwissenschaft kommen, wohl aufgenommen werden. Dabei wurden viele Themengebiete angesprochen: Unter anderem Fragen modernen Dokumentationstechniken auf archäologischen Ausgrabungen, und Aspekte der Wissenschaftskommunikation.

Klar wurde dabei aber auch, dass für uns als Wissenschaftler*innen und Archäolog*innen der virtuelle Besuch einer Fundstelle die tatsächliche Exkursion nur schwer ersetzen kann. Das virtuelle Reisen kann den tatsächlichen Besuch aber zum einen vorbereiten, insbesondere wenn vor Ort nur wenig Zeit zur Verfügung steht, und kann ihn ergänzen: Etwa, wenn während einer Ausgrabung ausgewählte Zwischenstände der Untersuchungen mit Hilfe von Photogrammetrie und 3D-Modellen dokumentiert werden, und diese dazu genutzt werden können, eine Fundstelle vor Ort besser zu verstehen.

Da die Vorlesungszeit des Sommersemesters noch läuft, sind wir in der Übung derzeit noch dabei, uns im Rahmen der studentischen Vorträge mit den unterschiedlichen Links zu beschäftigen. Dabei waren alle Links für alle Teilnehmer*innen auf dem e-Campus sichtbar und anklickbar, und die bereits vor Wochen erstellten Steckbriefe zu den einzelnen Links sind ebenfalls für alle in der Übung sichtbar – ich verrate daher nicht zu viel, wenn ich hier nun eine Liste der ausgewählten Beispiele zeige:


Dieser Blogeintrag ist am 04. Juni 2020 zuerst unter https://archiskop.hypotheses.org/613 erschienen.

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Forschende - Lehrende - Archäologin | Prähistorikerin - Hochschuldidaktikerin